Prof. Dr. Ralph M. Wrobel Experte für Wirtschaft + Politik + Geschichte Prof. Dr. Ralph M. Wrobel Experte für Wirtschaft + Politik + Geschichte  

Oberschlesien unter der Lupe

Exklusive Studienfahrt zu Zentren oberschlesischer Geschichte mit kontroversen Diskussionen

In der Caritas-Bibliothek: Andreas Smarzly, Norbert Rasch, Prälat Wolfgang Globisch und Prof. Dr. Ralph Wrobel (v.l.)

Nicht nur polnische und deutsche Einflüsse findet man in Oberschlesien bis heute, sondern auch preußische, tschechische, österreichische und sogar englische. Um diese Vielfalt kennen zu lernen, reisten unter dem Motto „Oberschlesien – ein europäischer Kulturraum“ 30 Geschichtsinteressierte unter der Leitung von Andreas Smarzly und Prof. Dr. Ralph Wrobel vom 25. August bis zum 1. September 2013 nach Oberschlesien. Die beiden Organisatoren der Reise führten die Reiseteilnehmer von Tag zu Tag durch die Geschichte des Landes: Auf die Reste der slawischen Volkskultur folgten Hinweise auf die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter, auf die Bedeutung Österreich-Ungarns in der Zeit der Reformation und Gegenreformation die staatlich-preußisch gelenkte Industrialisierung. Aufgrund der deutsch-polnischen Konflikte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es nun in Oberschlesien eine starke deutsche Minderheit, die auch besucht wurde. Dabei gelang es den Vorsitzenden der Deutschen Minderheit, Norbert Rasch, den Gründer der Caritas-Bibliothek in Oppeln und ersten deutschen Minderheitenpfarrer in Polen, Prälat Wolfgang Globisch, und das ehemalige Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, Abgeordneten zum polnischen Parlament in Warschau und langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Minderheit in Polen, Henryk Kroll, als Referenten und Diskussionspartner zu gewinnen.

Die Reisegruppe vor der Schrotholzkirche St. Anna in Rosenberg

Unterkunft fand die Reisegruppe wieder im bezaubernden Schloss Groß-Stein, wo Prof. Wrobel gleich am ersten Abend mit einem anschaulichen Vortrag in die Thematik einführte. An den beiden ersten Tagen standen dann die slawischen sowie deutschen Wurzeln der Region im Vordergrund. So besuchte die Reisegruppe zunächst das Museum des Oppelner Dorfes in Oppeln-Birkowitz, um sich mit der slawischen Holzarchitektur der Region auseinanderzusetzen. Ebenso wurden mehrere Schrotholzkirchen besichtigt, in Kotschanowitz und in Rosenberg. Dabei wurde auch die slawische Sprache Oberschlesiens thematisiert. Diskutiert wurde hier insbesondere, ob der im deutschen Sprachgebrauch übliche Ausdruck „Wasserpolnisch“ für die slawische Sprache der Oberschlesier weiterhin zeitgemäß ist. Die diese Sprache verwendenden Oberschlesier (zum großen Teil auch Angehörige der deutschen Minderheit in Polen), die sich selbst nicht als „Wasserpolen“ sehen und ihre Sprache „Poślonsku“ (Auf Schlesisch) nennen, bevorzugen im deutschen Sprachgebrauch eher den Ausdruck „Oberschlesisch“ oder „slawisch Oberschlesisch“, um ihn von den im Aussterben begriffenen deutschen Dialekten Oberschlesiens zu unterscheiden. Zum Thema Deutsche Ostsiedlung wurde die Altstadt von Oppeln unter der Führung von „Fräulein Agnieszka“ besichtigt, wo das typisch deutschrechtliche Schachbrettmuster deutlich wurde. Für die ländliche Siedlung deutscher Bauern im Mittelalter stand hingegen das ehemalige Prämonstratenserinnenkloster in Czarnowanz, das im 13. Jahrhundert zahlreiche deutschrechtliche Dörfer in Oberschlesien angelegt hat.

Um den österreichischen und preußischen Einfluss auf Oberschlesien deutlich zu machen, wurden Teschen an der tschechischen Grenze und das oberschlesische Industrierevier um Kattowitz besucht. Dabei stellt Teschen bis heute ein oberschlesisches Unikum der besonderen Art dar. Nachdem der Großteil Schlesiens im 18. Jahrhundert preußisch wurde, verblieb die Stadt zusammen mit Troppau und Freiwaldau sowie dem Umland als „Österreichisch-Schlesien“ bei Österreich. Nach dem Ersten Weltkrieg eroberte Polen den östlichen Teil dieses Gebietes mit der Altstadt von Teschen, so dass bis heute die tschechisch-polnische Grenze durch die Stadt verläuft. Parallel entwickelte sich Teschen seit dem 16. Jahrhundert zu einem der Zentren des Protestantismus in Schlesien. Deshalb konnten die Reisenden hier eine der wenigen evangelischen Gnadenkirchen Schlesiens (die einzige in Oberschlesien) besuchen und sich so mit dem Thema Reformation und Gegenreformation vertraut machen. Neben der typisch österreichischen Architektur machte auch der wunderbare österreichischen Dialekt des einheimischen Führers, Herr Brenner, den österreichischen Charakter der Stadt deutlich. Eine besondere Freude während der Stadtführung war die Möglichkeit, einfach ohne jede Kontrolle über die Stadtbrücke in den tschechischen Teil von Teschen gehen zu können.

Stollen im Museumsbergwerk „Guido“ in Hindenburg

Preußen hat hingegen eine ganz andere Architektur nach Oberschlesien gebracht, v.a. Backsteinge-bäude. Insbesondere veränderte Preußen Oberschlesien aber durch die Förderung der Montanin-dustrie. Seit Ende des 18. Jahrhunderts war so um Hindenburg, Kattowitz und Königshütte das zweitgrößte Industrierevier Mitteleuropas entstanden. Nachdem die Reisegesellschaft kurz den „Sender Gleiwitz“ besucht hatte, ging es daher erst einmal mehrere hundert Meter unter die Erdoberfläche! Im Museumsbergwerk Guido, der ehemaligen Guidogrube in Hindenburg, konnten Stollen und technische Anlagen tief unter Oberschlesien besichtigt werden. Ebenso wurde Kattowitz, die Hauptstadt der Wojewodschaft „Schlesien / Śląsk“ mit dem Schlesischen Museum besichtigt. Dabei stellte sich die Stadt v.a. als Beispiel des realen Sozialismus der Nachkriegszeit dar, wodurch auch diese Epoche Oberschlesiens erlebbar wurde.

Kriegsgefangenengräber in Lamsdorf

Emotional schwer wurde die Reise erst am Folgetag. Thema waren die Konflikte zwischen Deutsch-land und Polen im 20. Jahrhundert. So ging es zunächst zum Annaberg, wo das „Museum der Schlesischen Aufständischen“ besichtigt wurde. Seine zentrale Ausstellung stellt die Zeit der Aufstände und der Volksabstimmung von 1921 bis heute aus rein polnischer Sicht dar. Lediglich eine kleine, moderne Zusatzausstellung über die deutsche und polnische Minderheit in den beiden Teilen Oberschlesiens in der Zwischenkriegszeit war zweisprachig und wertneutral. Dies erforderte im Bus noch zahlreiche Erklärungen und Diskussionen… Doch damit hatte der Tag erst begonnen. Durch die Besichtigung des polnischen Ehrenmals für die gefallenen polnischen „Aufständischen“ und das benachbarte von den Nationalsozialisten errichtete Amphitheater, die „Thing-Stätte“, wurde das Wirken der beiden totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts deutlich: sowohl Nazis als auch Kommunisten nahmen es mit der historischen Wahrheit nicht ernst. Stattdessen errichteten sie monumentale Denkmale, aus denen ihr Wahnsinn bis heute zu uns spricht. Nach einer emotionalen Pause in der Wallfahrtskirche St. Anna, in der die religiöse Verbindung des Großteils der Oberschlesier, der tiefgläubige Katholizismus, hervorgehoben wurde, ging es zur Gedenkstätte Lamsdorf. Hier erlebten die Reiseteilnehmer eine moderne Ausstellung über das Lager von seinen Anfängen als Kriegsgefangenenlager im 19. Jahrhundert bis 1945. In einem Film zu Beginn der Führung wurde auch deutlich auf die Nutzung des Lagers durch die polnischen Kommunisten nach 1945 und die oberschlesischen – deutschen wie polnischen – Opfer hingewiesen. Dass eine Erweiterung der Ausstellung um diese Zeitspanne in absehbarer Zeit geplant ist, erfreute die deutschen Besucher sehr.

Im Zentrum des letzten Tages der Reise in die multikulturelle europäische Geschichte Oberschlesiens stand die Deutsche Minderheit. Die Reiseveranstalter freuten sich sehr, in der Caritas-Bibliothek in Oppeln sowohl den Initiator der Bibliothek und ehem. Minderheitenseelsorger, Herrn Prälat Wolfgang Globisch, als auch den Vorsitzenden der Sozial-kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD), Herrn Norbert Rasch, als Vortragende und Gesprächspartner präsentieren zu können. Prälat Globisch erläuterte den Zuhörern zunächst die enormen Schwierigkeiten, mit denen er in den vergangenen Jahren zu kämpfen hatte, um die Bibliothek mit ihrer zahlreichen deutschsprachigen und schlesienbezogenen Literatur aufzubauen. Norbert Rasch stellte daraufhin die aktuellen Herausforderungen für die Deutsche Minderheit, wie die Einrichtung bilingualer Schulen, Identitätsstärkung der Minderheit und die Konkurrenz mit der Schlesischen Autonomiebewegung in Kattowitz dar. Von Seiten der Teilnehmer kamen zahlreiche Fragen, so  dass sich eine lebhafte Diskussion entspann.

Róża Zgorzelska, die Leiterin der Pfarrscheune in Friedersdorf, mit Enkelin, Andreas Smarzly, Henryk Kroll und Prof. Dr. Ralph Wrobel.

Am Nachmittag wurde noch die Pfarrscheune in Friedersdorf bei Oberglogau besichtigt. Hier hat Frau Róża Zgorzelska ein kulturelles Zentrum für die Deutsche Minderheit geschaffen. So enthält das junge Museum neben Alltagsgegenständen aus dem Dorf und seiner Umgebung auch zahlreiche Dokumente zur Geschichte Oberschlesiens, womit die materielle und geistige Kultur des Landes im 19. Und beginnenden 20. Jahrhundert hervorragend dargestellt wird. Ein weiterer Höhepunkt des Tages war der Vortrag von Heinrich Kroll, dem Sohn des Begründers der Deutschen Minderheit in Polen, ehemaligen Abgeordneten zum Europarat in Straßburg und zum polnischen Parlament in Warschau (1991-2007), sowie langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Minderheit in Polen und im Oppelner Schlesien.
So konnten die Reiseteilnehmer innerhalb einer Woche einmal durch die oberschlesische Geschichte reisen, die zahlreichen Einflüsse aus Nord und Süd, Ost und West erkennen, aber ebenso die Konflikte und unterschiedlichen Auffassungen der Geschichte begreifen lernen. Ein Teilnehmer schrieb später: „Ich bin ein großes Stück weiter gekommen, Oberschlesien aufzuarbeiten.“ Ja, aufzuarbeiten ist die Geschichte Oberschlesiens wirklich. Neben der Geschichte kam jedoch auch das leibliche Wohl der Reiseteilnehmer nicht zu kurz. Gegessen wurde durchgehend in Spitzenrestaurants der Region, z.B. in den  Schlössern Sakrau und Stubendorf bei Oppeln, im tschechischen Weinkeller „Winiarnia u Czecha“ in Teschen, der Schlossmühle in Krappitz oder im Restaurant „Arsenal Palace“ in Königshütte. Auch die wunderbare Gastfreundschaft in der Pfarrscheune in Friedersdorf begeisterte die Reiseteilnehmer.

 

Walburga Zielonka

 

Quelle: Oberschlesien 11/2013, S. 21 - 23.

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Anschrift:

Prof. Dr. Ralph M. Wrobel


Martinskloster 13
99084 Erfurt
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